Der schöne Klang der Stille
Weltklasse-Jazz mit Chico Freeman und Fritz Pauer Trio

VON CLAUS KOHLMANN

HILDESHEIM. Weltstarglanz und Jazzkeller-Atmosphäre erfüllten das Litteranova: Chico Freeman, seines Zeichens einer der besten Saxophonisten der Szene, gab mit dem Fritz Pauer Trio ein Gastspiel in Hildesheim und überzeugte auf ganzer Linie. Der Bekanntheitsgrad des musikalischen Schwergewichts ließ sich zum einen am proppenvollen Raum ablesen, aber auch daran, dass sogar Besucher extra aus Potsdam oder der Gegend um Stuttgart angereist waren. Und alle Zuhörer bekamen richtig was geboten.

Vor gut vier Jahren trafen sich Freeman und das Fritz Pauer Trio und stellten beim gemeinsamen Jammen fest, dass nicht nur die persönliche, sondern auch die musikalische Chemie stimmte. Nach vielen gemeinsamen Auftritten wurde daraus auch eine von der Kritik hochgelobte Doppel-CD mit dem Titel „The Essence Of Silence“. Vieles aus diesem Album sowie diverse andere Kompositionen bekam das Publikum serviert.

Chico Freeman zelebrierte dieses Konzert auf engstem Raum mit viel Spielfreude und Charme, und das Trio mit Fritz Pauer am Klavier, Johannes Strasser am Kontrabass und Joris Dudli am Schlagzeug stand dem in nichts nach. Mit hochkarätigem Jazz in vielen Facetten eroberten die vier Musiker die Gehörgänge. Einflüsse aus Bebop, Latin-Jazz, Blues, Soul und Modern-Jazz sorgten dafür, dass das Konzert immer spannend blieb.

Sehr sympathisch war, dass Chico Freeman aus seiner exponierten Frontposition auf der Bühne keine Ein-Mann-Show machte. Er verstand sich als Teil des Kollektivs und nahm sich nur in seinen Soli den Raum, der ihm zustand. Und die Freiheiten, die sich für ihn ergaben. Sein warmer, runder Ton schmeichelte den Ohren, selbst wenn er sich Hals über Kopf in Tonkaskaden stürzte. Wie ein guter Schauspieler, der keine großen Gesten braucht, um Wirkung zu erzielen, ließ Chico Freeman auch seinen Ton nur minimal changieren, je nach Charakter des Stückes. Die Wirkung war allerdings atemberaubend, wenn er dann mal kurz ausbrach und sein Tenorsaxophon sonor röhren ließ. Ganz nebenbei zeigte er, dass er die Zikularatmung beherrscht, also beim Spielen nicht zum Atmen muss. Allerdings geriet das nicht zum Mega-Event. Freeman setzte die Technik ganz unspektakulär ein, was ihr umso mehr Wirkung verlieh. Last but not least offenbarte sein Umgang mit Harmonik und Dynamik nicht nur großes Können, sondern vor allem auch Gefühl und Geschmack.

Chico Freeman zelebriert das Konzert auf engstem Raum mit viel Spielfreude und Charme.

Foto: Hartmann

Selbiges taten auch Fritz Pauer und Johannes Strasser. Der Pianist und der Bassist waren zum einen großartige Begleiter, aber auch noch bessere Solisten. Pauer liebäugelte viel mit Motiven, die einem immer irgendwie bekannt vorkamen, aber trotzdem treffsicher saßen. Strasser verstand es, mit seinem Kontrabass Soli zu spielen, die nicht auf bloßes Technikzeigen hinausliefen, sondern tatsächlich Melodien entstehen ließen und Geschichten erzählten. Schlagzeuger Joris Dudli verkörperte den Archetyp des Jazztrommlers. Vielseitigkeit in Klang und Lautstärke, die Verwendung aller möglichen Utensilien von Stöcken über Besen bis zu den Händen und traumwandlerisch sicheres Timing auch an unübersichtlichen Stellen zeugten davon. Und auch in seinen Soli vermochte er einschränkungslos zu überzeugen.

Bei all dieser hohen Kunst mit vielen Noten war es dann doch ein reduzierter, auf Atmosphäre ausgelegter Song, der die Nummer des Abends wurde: das Titelstück der CD, „The Essence Of Silence“. Nur ganz selten hat es jemand geschafft, die Stille so schön und so passend klingen zu lassen.

Quelle: Hildesheimer-Allgemeine-Zeitung vom 26. Februar 2011