Diknu Schneeberger: Jazz nach dem Lustprinzip
03.04.2010 | 18:04 |  von Samir H. Köck (Die Presse)
Das 20-jährige Ausnahmetalent Diknu Schneeberger spielt beim Festival "Gipsy World" im Wiener Porgy&Bess .
"Die Presse am Sonntag" sprach mit dem jungen Virtuosen.
In seinem Film Sweet And Lowdown ließ Woody Allen den imaginären Jazzgitarristen Emmet Ray über die Leinwand schlawinern.
Der selbstverliebte Musiker bricht Frauenherzen, torkelt trunken durch schwierige Situationen. Er meistert alles,
nur nicht die Begegnung mit seinem Idol Django Reinhardt. Da tritt er die Flucht an. Auf zwei Beinen, vier Rädern oder wenn es sein muss, sogar vermittels Ohnmacht.
Django Reinhardt ist auch der große Held von Diknu Schneeberger, dem heimischen Shootingstar des Gypsy Jazz.
Aber im Unterschied zum Filou Emmet Ray ist der 20-jährige Schneeberger ein grundsolider Charakter, einer der alle Leidenschaft in sein flamboyantes Gitarrespiel legt.
Als Wunderkind war er ein Spätstarter. Während ein Bireli Lagrene schon mit 13 Jahren virtuos spielte,
griff Schneeberger erst mit 14 zum Instrument. Der Anlass war banal. „Mein Vater schenkte mir zum Geburtstag eine Gitarre.
Wohl mit dem Hintergedanken, bald einen zweiten Rhythmusgitarristen in seiner Band zu haben.“
Der Junge lernte zunächst Grundsätzliches bei Gitarrist Striglu Stöger.
Mit 15 Jahren wechselte er zum famosen Wiener Jazzgitarristen Martin Spitzer: „Er brachte mir die Feinheiten des Solierens,
vor allem aber diesen speziellen Anschlag bei, den du beim Gypsy Jazz brauchst. Alles andere entwickelt sich dann daraus.“
Lehrer Spitzer war ob Schneebergers rasanter Entwicklung erstaunt. „Nach nur einem Jahr musste ich zu ihm sagen:
Wir können nur Kollegen sein...“ Das wurden sie. Spitzer spielt Rhythmusgitarre im Diknu-Schneeberger-Trio,
dem Vater Joschi Schneeberger als Bassist angehört. Wo andere Gypsy-Jazz-Combos gern Klänge von Violine,
Ziehharmonika oder Klarinette integrieren, bleibt Diknu Schneeberger bei der kargen Triobesetzung. Warum?
„Es ist dieser schlagzeuglose Sound, der mich besonders reizt. Wenn man nur zwei Gitarren hat,
dann kann man traumhafte Grooves ohne jede Ablenkung spielen.“ Was ist das Spezielle an seinem Spiel?
Martin Spitzer weiß es: „Er ist mit einem außergewöhnlichen rhythmischen und motorischen Talent gesegnet.
Was aber das wirklich Besondere an ihm ist, das ist die Geschwindigkeit, mit der er sich entwickelt.
Er war schon damals mit seinen 15 Jahren ungewöhnlich fokussiert. Stets geht er nach dem Lustprinzip vor,
erarbeitet sich aber seine Stücke total penibel. Er blutet für die richtige Phrasierung.
Was aber das Beste ist, Diknu öffnet sich auch für neue Sachen auf Basis des Django-Reinhardt-Stils:
„So haben wir jüngst den Beatles-Song ,And I Love Her‘ einstudiert und auch eine groovige Jazznummer komponiert.“

Erfolg im Ausland.

Für Christoph Huber, den Leiter des Wiener Jazztempels Porgy & Bess, „kann sich Schneeberger bereits mit Granden wie Bireli Lagrene,
Stochelo Rosenberg und Philip Catherine messen“. Das aktuelle Album „The Spirit Of Django“ ist jedenfalls trotz seiner Virtuosität unheimlich beseelt.
Das Potenzial dieses Trios wurde im Ausland längst richtig erkannt. Während man auf heimatlicher Scholle unterrepräsentiert ist,
spielte das Trio schon oft in Spanien, Frankreich, England und vor allem in Deutschland, wo im Schnitt 400 Besucher pro Konzert kommen.
Im Münchner Prinzregententheater lockt der Name Schneeberger sogar doppelt so viele an.
Der um 1920 in Paris entstandene Gypsy Jazz ist derzeit mit Künstlern wie Bireli Lagrene, Dotschy Reinhardt und Stochelo Reinhardt wieder en vogue.
Der legendäre Django Reinhardt führte den swingenden Stil zu Konzertsaalreife. Jazz-Manouche nannte man diesen Sound erst, später auch Sinti-Jazz,
da er vor allem von Angehörigen des fahrenden Volks zelebriert wurde. Was gefällt einem jungen Mann des 21. Jahrhunderts daran? Schneeberger schwärmt:
„Django Reinhardt hat nie einfach nur schnell gespielt. Bei ihm hatte alles seinen Sinn. Er konnte Spannung aufbauen und auflösen wie kein anderer.“
Ein interessanter Aspekt von Reinhardts Karriere ist, dass er in seiner Jugend bei einem Wohnwagenbrand schwer an den Händen verletzt wurde.
Er konnte danach nur mehr zwei Finger richtig bewegen. Mit dieser Einschränkung entwickelte er einen weltweit bewunderten Stil. Schneeberger über sein Idol:
„Er hat sich jene Phrasen gesucht, die er mit seiner Behinderung am besten spielen konnte. Er spielt ja hauptsächlich Arpeggios, kaum Tonleitern.
Speziell seine rechte Hand ist nicht zu imitieren. Abgesehen vom technischen Aspekt ist es vor allem seine musikalische Vorstellungskraft, die imponiert.“
Um Reinhardt ranken sich viele Legenden. Welche gefallen ihm am besten? Schneeberger lacht: „Reinhardt muss ein sehr arger Typ gewesen sein.
Der pfiff sich nichts. Er hätte mit Duke Ellington in der Carnegie Hall auftreten sollen und verschlief einfach. Oder noch viel krasser:
Aus Jux und Tollerei machte er mal in einem Luxushotel ein Lagerfeuer. Unglaublich!“
Solch wildes Leben will der junge Schneeberger freilich gar nicht führen. Brav besuchte er auf Anraten des Vaters das Konservatorium,
obwohl Verschulung à la Berklee School droht. Der junge Mann bleibt höflich: „Ich tu mir ziemlich schwer im Konservatorium,
obwohl es sehr interessant sein kann. Mir ist der theoretische Zugang zur Musik ein bisserl fremd. Eigentlich spiele ich nur, weil es mir Spaß macht.
Es geht darum, dass du dein Herz ganz reinlegst in die Musik. Das Feeling und der Sound sind im Prinzip wichtiger als die Noten.
Das Schnellspielen wird oft überschätzt. Wichtig ist, dass die Freude im Spiel durchscheint.“ Die kommt bei ihm besonders zum Vorschein,
wenn viele Menschen im Saal sind. „Ich bin immer mit totaler Leidenschaft dabei, spiel mich meistens fast in Hypnose, aber ich brauch immer das Publikum.
Je mehr, desto besser. Sind wenige, bin ich nervös. Nur wenn es bummvoll ist, bin ich total relaxt.“
Diknu Schneeberger gastiert am 5.April um 20.30h mit der famosen neuen CD „The Spirit Of Django“ beim Festival „Gipsy World“
im Wiener Porgy & Bess (Riemergasse 11, 1010 Wien).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2010)